The Greek poetry of austerity on German radio

German-Greek journalist Alkyoni Karamanolis, a member of “Global Correspondents,” interviewed writer Katerina Iliopoulou and me (in Greek, in Athens) for a German radio program she produced on the new Greek poetry. The program aired on July 20 under the title “Poetry in times of economic austerity” as part of the regular cultural show “Kompressor“, broadcast on Deutschlandfunk Kultur, a public station which transmits across Germany.

The “compressed” five-minute program may be heard here and read below.

July 24, 2017

Amoderation

Lyrik als Wegbegleiter in schwierigen Zeiten – in Griechenland, das seit Ausbruch der Krise einen Kulturboom erlebt, hat auch die Lyrik Renaissance: Gedichtabende in Galerien, Cafés, Bars, auf öffentlichen Plätzen. Lyrikmarathons und Lyrikrezitationen. Trotz oder wegen der Krise? Alkyone Karamanolis mit Eindrücken aus Athen.

Atmo Performance

Ein abgedunkelter Raum. Betonböden, hohe Decken, breite, in Eisen gefasste Fensterbänder. Eine Frau in dunkler Joggingkleidung und Mütze steht an einem Pult und trägt ein Gedicht vor. An der Wand hinter ihr flackern die suggestiven Bilder eines schwarz-weiß-Videos.

Atmo hoch

Sie nimmt die Worte auseinander und setzt sie neu zusammen.Vom Weg abgekommen, heißt ihr Gedicht. Oder: Ratlosigkeit. Die Performance ist gut besucht, sie findet in einem der beliebtesten Athener Kulturhubs statt.

Lyrik in Griechenland ist chic, Lyrik ist in. Es gibt Gedichtmarathons, Lesungen, Diskussionen. In Buchhandlungen, Theatern und an öffentlichen Plätzen. Sogar eine neue Zeitschrift für Lyrik ist entstanden, gegründet 2011, einem der dunkelsten Krisenjahre. Katerina Iliopoulou ist eine der HerausgeberInnen.

Es war ein Wagnis und eine verrückte Idee, natürlich. Andererseits haben wir doch nichts anderes als unsere Gegenwart. Und die Zeitschrift ist die logische Fortentwicklung unseres Werdegangs. Wir sind eine Gruppe von Dichtern, die seit vielen Jahren im Dialog miteinander stehen. Und es war der Punkt gekommen, an dem wir das Bedürfnis verspürten, diesen Dialog mit dem Publikum zu teilen.

Zweimal im Jahr kommt die Zeitschrift mit dem unaussprechlichen, all seiner Vokale beraubten Namen frmk heraus. Ein schwarz-weißes, künstlerisch gestaltetes Heft mit mattseidenem Umschlag, das schwer in der Hand liegt. Fügt man die Vokale wieder hinzu, erhält man das Wort für Medizin, welches gleichzeitig auch Gift bedeuten kann. Eine Anspielung auf Platon und darauf, was die Literatur vermag. Von den Autoren über den Graphiker, den künstlerischen Direktor bis hin zur Satzkorrektur fußt das Heft auf freiwilliger, unbezahlter Arbeit, mit den Gewinnen deckt man die Material- und Druckkosten. Auch hier eher ein “trotz” als ein “aufgrund” der Krise.

Als Künstler konnten wir nicht einfach unsere Produktion aufgeben. Und am Ende ist die Zeitschrift herauszugeben auch eine Art des Widerstands gegen diese schwierige Wirklichkeit der Krise. Es ist eine Lebenseinstellung weiterzumachen.

In den 90er Jahren hat die griechische Lyrik selbst eine Krise durchlaufen. Sie war esoterisch geworden und musste ihren Platz in der neuen multikulturellen Gesellschaft Griechenlands erst finden. Anfang der Nuller Jahre dann der Neubeginn. Zeitlich gesehen war das eine glückliche Fügung, sagt der Neogräzist Vassilis Lampropoulos, Inhaber des Kavafis-Lehrstuhls an der Universität Michigan.

Wenn es so scheint als ob die Dichter der Krise eine Stimme gegeben hätten, dann, weil sie die Instabilität und Unsicherheit, die die Krise gebracht hat, schon ein Jahrzehnt zuvor durchlebt hatten. Die griechische Lyrik heute ist eine Lyrik jenseits der Sicherheiten, jenseits des Stolzes, jenseits der Selbstsicherheit und der Eloquenz. Es ist eine Lyrik, die Identitäten in Frage stellt, die sich ungewöhnlicher Themen annimmt, eine Lyrik, die den Leser nicht bei der Hand nimmt, um ihn von A nach Z zu führen, sondern die sich mit ihm auf eine Reise begibt, deren Ausgang ungewiss ist.

Verleger, Buchhändler und Autoren bestätigen den Eindruck, dass heute mehr Lyrik erscheint als noch vor einigen Jahren. Nur: Genaue Zahlen gibt es nicht, denn das Nationale Buchzentrum, das das alle Neuerscheinungen registrierte, wurde im Zuge der Krise abgeschafft. Sicher aber ist, dass die Lyrik heute beim griechischen Publikum auf Resonanz trifft. Und das dann wohl doch auch wegen der Krise. Der Krise in Griechenland – und der in der Welt, sagt die Dichterin Katerina Iliopoulou.

Unsere Zeit bietet ein einziges Narrativ, nämlich das der Finanzen. Aber unser Leben ist eben nicht nur eine Aneinanderreihung nützlicher Zahlen, und die Lyrik bietet uns eben ein alternatives Narrativ an. Sie schafft Möglichkeiten, die Welt zu interpretieren, unsere Kritik zu schärfen, neue Metaphern zu entdecken, also neue Sinn-Vehikel, um uns selbst und die Welt zu verstehen. Sie führt das Element des Zweifels und des Umsturzes ein. Und die Weigerung, die Welt so zu akzeptieren wie sie ist. Denn wenn wir auch nur erhalten wollen, was wir haben, müssen wir nach dem Unmöglichen streben.

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